Wachstumshormon – HGH oder Somatropin – ist eines der am meisten diskutierten und am wenigsten verstandenen Substanzen im Bodybuilding. Es gilt als „Königsdisziplin" unter den PEDs, als Mittel für die letzte Schicht Definition, als Wundermittel für Regeneration und Jugendlichkeit.
Die Realität ist komplexer. HGH wirkt – aber anders, langsamer und mit anderen Risiken, als die meisten glauben.
1. Was HGH im Körper macht
Human Growth Hormone ist ein Peptidhormon aus 191 Aminosäuren, das in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) produziert wird. Es wird pulsatil ausgeschüttet – am stärksten im Tiefschlaf.[9]
HGH wirkt auf drei Ebenen:
- Fettabbau: Es regt Fettzellen an, gespeicherte Energie freizusetzen (Lipolyse).[9]
- Regeneration: Es fördert Reparaturprozesse in Geweben – Sehnen, Bänder, Knorpel.[9]
- Muskelaufbau: In der Leber stimuliert HGH die Bildung von IGF-1 (Insulin-like Growth Factor 1), das wiederum das Zellwachstum und die Muskelproteinsynthese fördert.[9][7]
Der entscheidende Punkt: HGH wirkt nicht direkt auf den Muskel, sondern über IGF-1 und andere Wachstumsfaktoren. Das erklärt, warum die Effekte langsamer und indirekter sind als bei Testosteron.
„In healthy adults, growth hormone does not build muscle and provides no athletic benefit."
— Rennie, Meta-Analyse, zitiert in University of Connecticut[2]
2. Wann entfaltet HGH seine volle Wirkung? – Die Dosierung
Das ist der Punkt, an dem sich die Realität am stärksten von den Versprechungen unterscheidet.
Medizinische Dosierung:
Bei Erwachsenen mit diagnostiziertem Wachstumshormonmangel liegt die medizinische Erhaltungsdosis bei etwa 0,15–0,3 mg pro Tag (entspricht ca. 0,45–0,9 IU).[4] Das ist eine Substitutionsdosis – sie stellt den Normalzustand wieder her, sie erhöht ihn nicht.
Bodybuilding-Dosierung:
Die in der Szene verwendeten Dosen liegen um ein Vielfaches höher. Eine verbreitete Angabe aus der sportmedizinischen Literatur: 10–25 IU pro Tag, drei- bis viermal pro Woche.[8] Andere Quellen berichten, dass Wettkampf-Athleten in Kombination mit anderen Substanzen etwa 4 IU pro Tag verwenden.[8]
Aus der Praxis wird oft berichtet, dass unter 4 IU pro Tag kaum sichtbare Effekte auftreten. Erst im Bereich 6–10 IU pro Tag berichten Anwender von deutlich sichtbaren Veränderungen – vor allem Fettabbau und volleres Muskelbild.[0]
Diese Dosen sind keine medizinische Empfehlung. Sie stammen aus der Beobachtung von Doping-Praktiken und der sportmedizinischen Literatur. Die gesundheitlichen Risiken steigen mit der Dosis deutlich an – und sind bei diesen Mengen erheblich.
Fazit zur Dosierung: HGH entfaltet seine volle Wirkung im Bodybuilding nicht bei „ein paar Einheiten", sondern erst bei deutlich supraphysiologischen Dosen. Das erklärt, warum viele Anwender enttäuscht sind – sie dosieren zu niedrig, um sichtbare Effekte zu sehen, aber hoch genug, um Nebenwirkungen zu riskieren.
3. HGH + Testosteron: Die eigentliche Synergie
Hier liegt der wichtigste wissenschaftliche Befund: HGH und Testosteron wirken synergistisch. Das bedeutet, ihre Kombination hat einen größeren Effekt als die Summe ihrer Einzeleffekte.
Eine Studie an hypophysären Männern (mit Wachstumshormonmangel) verglich drei Bedingungen: HGH allein, Testosteron allein und die Kombination.[11] Die Ergebnisse waren eindeutig:
- Testosteron allein hatte signifikante proteinanabole Effekte – aber nur, wenn eine basale Menge an HGH vorhanden war.[10]
- Die Kombination von HGH und Testosteron verdoppelte nahezu den proteinanabolen Effekt von HGH.[10]
- Testosteron verstärkt die HGH-Wirkung über IGF-1, wirkt aber gleichzeitig unabhängig von HGH auf den Proteinstoffwechsel.[10]
„The effect of GH to stimulate protein anabolism is approximately doubled when testosterone is co-administered."
— Gibney et al., American Journal of Physiology, 2005[10]
Was das praktisch bedeutet:
- HGH ohne Testosteron verschenkt einen Großteil seines Potenzials. Die anabolen Effekte von Testosteron sind für die volle HGH-Wirkung notwendig.[10]
- Testosteron ohne HGH funktioniert – aber die Kombination ist deutlich effektiver als jedes Einzelne.[11]
- Diese Synergie ist dosisabhängig und in Studien an Männern mit Hormonmangel nachgewiesen. Ob sie in gleichem Maße bei gesunden Männern mit normalen Hormonwerten auftritt, ist nicht abschließend geklärt.[11]
Zusätzlich: HGH + Insulin. Ein weiterer Stack, der in der Praxis häufig verwendet wird. HGH erhöht die Verfügbarkeit von Aminosäuren und fördert die Proteinsynthese, Insulin transportiert diese Aminosäuren in die Muskelzellen.[5] Die Kombination wird als synergistisch beschrieben – birgt aber ein erhebliches Risiko für Hypoglykämie.[5]
4. Macht HGH „only" Sinn?
Die kurze Antwort: Nein – nicht für den Muskelaufbau.
Die Forschung ist hier eindeutig. Eine Meta-Analyse aller verfügbaren Studien kommt zu dem Schluss: „The balance of evidence suggests that, in healthy adults, growth hormone does not build muscle and provides no athletic benefit."[2]
Die Gründe:
- Kein direkter Muskelaufbau: HGH allein erhöht nicht die Muskelmasse, sondern Körpergewicht und fettfreie Masse – wobei ein großer Teil dieser Zunahme auf Wassereinlagerungen zurückzuführen ist.[2][7]
- Keine Kraftsteigerung: Studien zeigen keine Verbesserung von Muskelkraft, Power oder Ausdauerleistung durch HGH allein.[7]
- Keine Leistungsverbesserung: In kontrollierten Studien verbesserte HGH weder VO2max noch Radfahrgeschwindigkeit, Power-Output oder Energieverbrauch.[7]
- Anabole Effekte nur in Kombination: HGH zeigt seine anabolen Wirkungen erst, wenn Testosteron (oder andere anabole Hormone) vorhanden sind.[10]
Warum wird es trotzdem „HGH only" verwendet?
Einige Anwender nutzen HGH allein für:
- Fettabbau: HGH fördert die Lipolyse – das ist ein realer Effekt, auch ohne Testosteron.[9]
- Regeneration: Die Wirkung auf Sehnen, Bänder und Knorpel ist unabhängig von Testosteron.[9]
- Anti-Aging: In der Anti-Aging-Medizin wird HGH für Hautbild, Schlafqualität und allgemeines Wohlbefinden eingesetzt – mit begrenzter Evidenz.[12]
- „Bridging": Zwischen zwei AAS-Kuren, um die Erholung zu unterstützen und die Androgen-Last zu reduzieren.[5]
Aber: Für den Aufbau von Muskelmasse ist HGH ohne begleitende anabole Hormone wirkungslos.[2][7]
5. Nebenwirkungen: Die unterschätzte Gefahr
HGH wird oft als „nebenwirkungsarm" beschrieben – besonders im Vergleich zu Steroiden. Das ist irreführend. Die Nebenwirkungen sind gravierend und teilweise irreversibel.[12]
Häufige Nebenwirkungen (ca. 1/3 der Anwender betroffen)[12]
- Wassereinlagerungen: Schwellungen an Händen, Füßen und im Gesicht.[12]
- Gelenk- und Muskelschmerzen: Durch Wassereinlagerungen und veränderte Gewebespannung.[12]
- Karpaltunnelsyndrom: Durch Einengung des Nervs im Handgelenk.[12]
- Erhöhter Blutzucker: HGH wirkt diabetogen – es kann die Insulinsensitivität senken.[3]
- Erhöhte Cholesterinwerte: Veränderung des Lipidprofils.[12]
Schwere Nebenwirkungen
- Akromegalie: Irreversibles Wachstum von Gesicht, Händen, Füßen, Kiefer und Schädel.[12][7]
- Diabetes mellitus: HGH kann dauerhaft die Glukosetoleranz beeinträchtigen.[7]
- Kardiomyopathie: Vergrößerung des Herzens – teilweise irreversibel.[3]
- Bluthochdruck: Chronisch erhöhter Blutdruck durch Wassereinlagerung und Gefäßveränderungen.[3]
- Vorzeitige Alterung: Paradoxerweise kann chronisch hoher HGH-Spiegel den Alterungsprozess beschleunigen.[3]
Besonders kritisch: Viele dieser Effekte sind dosis- und zeitabhängig. Wer HGH über Monate oder Jahre in supraphysiologischen Dosen verwendet, riskiert Schäden, die nicht rückgängig zu machen sind.
„GH administration is not advised for anti-aging in healthy elderly due to increased adverse events."
— Liu et al., 2007, zitiert in ScienceDirect[3]
6. Was bedeutet das für die Praxis?
Die wissenschaftliche Evidenz erlaubt ein klares Fazit:
- HGH allein baut keine Muskeln auf. Die anabolen Effekte sind auf Testosteron oder andere anabole Hormone angewiesen.[10]
- Die Synergie ist real. In Kombination mit Testosteron verdoppelt sich der proteinanabole Effekt von HGH nahezu.[10]
- Wirksame Dosen sind hoch. Sichtbare Effekte treten erst bei Dosen auf, die deutlich über der medizinischen Substitution liegen – mit entsprechenden Risiken.[0][8]
- Die Nebenwirkungen sind erheblich. Wassereinlagerungen, Gelenkschmerzen, Karpaltunnelsyndrom, Blutzuckerprobleme, Akromegalie, Herzvergrößerung.[12][7][3]
- Regeneration und Fettabbau sind die realen Effekte. Wer HGH für Muskelaufbau nutzt, nutzt es für den falschen Zweck.[2][7]
HGH ist kein Wundermittel. Es ist ein potentes Hormon mit realen Effekten – aber auch mit realen Risiken. Wer sich dafür entscheidet, sollte die Fakten kennen. Und wer Muskeln aufbauen will, sollte wissen: HGH ist der falsche Hebel.
Quellen
- Gibney, J., Wolthers, T., Johannsson, G., Umpleby, A.M. & Ho, K.K.Y. (2005): Growth hormone and testosterone interact positively to enhance protein and energy metabolism in hypopituitary men, American Journal of Physiology – Endocrinology and Metabolism, 289(2), E266–E271. journals.physiology.org
- Rennie, M.J. (2003): Meta-Analyse zu Growth Hormone bei gesunden Erwachsenen. Zitiert in University of Connecticut: Growth Hormone. digitalcommons.lib.uconn.edu
- Liu, H. et al. (2007): Systematic review: the effects of growth hormone on athletic performance, Annals of Internal Medicine. Zitiert in ScienceDirect: Use of growth hormone, IGF-I, and insulin for anabolic purpose, 2017. sciencedirect.com
- Evigrade (2026): Somatropin – Dosierung, 26. Mai 2026. evigrade.com
- Anderson, L.J. et al. (2025): Anything but androgens: How image and performance enhancing drug consumers manage body composition and health through off-label use of medicines, Performance Enhancement & Health, 2025. sciencedirect.com
- ScienceDirect (2024): Metabolic Consequences of Anabolic Steroids, Insulin, and Growth Hormone Abuse in Recreational Bodybuilders, 27. März 2024. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- ScienceDirect (o. J.): Human Growth Hormone – Chapters and Articles. sciencedirect.com
- Fragala, M.S. (o. J.): Growth Hormone: Understanding the Endocrinology and Ergogenics, NSCA Hot Topic Series. nsca-lift.org
- Men's Health (2025): HGH: Wirkung, Risiken und Einsatz von Somatropin, 25. Juli 2025. menshealth.de
- Gibney, J. et al. (2005): Growth hormone and testosterone interact positively to enhance protein and energy metabolism in hypopituitary men, American Journal of Physiology, 289(2), E266–E271. journals.physiology.org
- Gibney, J. et al. (2005): Ebenda. journals.physiology.org
- Better Health Channel (o. J.): Growth hormone, Victoria State Government. betterhealth.vic.gov.au
- Verywell Health (2025): What Happens When You Take Growth Hormone Injections?, 17. März 2025. verywellhealth.com
- Sinha-Hikim, I. et al. (2003): Synergistic effects of testosterone and growth hormone on protein metabolism and body composition in prepubertal boys, Metabolism, 52(8), 964–969. sciencedirect.com
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Aufklärung und Information. Er stellt keine medizinische, rechtliche oder Anwendungs-Beratung dar. HGH ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Die Anwendung ohne medizinische Indikation ist in Deutschland strafbar und mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Wir empfehlen keine Anwendung und geben keine Anleitung.