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Retatrutid-Abmahnwelle: Was Eli Lillys Vorgehen für Influencer und Aufklärer bedeutet

Der Pharmakonzern geht massiv gegen den illegalen Handel mit seinem unzugelassenen Wirkstoff vor – und trifft dabei nicht nur Händler, sondern auch Content Creator. Eine Einordnung der aktuellen Lage.

📅 17.09.2026 ⏱ 9 Min Lesezeit 👁 19 Aufrufe ✓ Kostenlos

Im August 2026 hat der US-Pharmakonzern Eli Lilly eine beispiellose Offensive gegen den illegalen Handel mit seinem experimentellen Abnehm-Wirkstoff Retatrutid gestartet. Sechs Klagen wurden allein in den USA eingereicht, über 200 Einzelpersonen und Unternehmen an Strafverfolgungsbehörden gemeldet und mehr als 14.000 Websites, Werbeanzeigen und Social-Media-Posts in über 100 Ländern bei den Plattformbetreibern gemeldet.[1][2]

Doch die Kampagne trifft nicht nur Händler und Apotheken. Zunehmend geraten auch Influencer und Content Creator ins Visier, die über Retatrutid berichten – selbst dann, wenn sie es nicht selbst verkaufen.

Was ist Retatrutid – und warum ist es so begehrt?

Retatrutid ist ein sogenannter Triple-Agonist. Es aktiviert gleichzeitig drei Rezeptoren: GLP-1 (Appetitregulation), GIP (Blutzucker und Stoffwechsel) und Glukagon (Insulinsensitivität). Damit wirkt es auf drei verschiedene Mechanismen der Gewichtsregulation ein – mehr als die derzeit zugelassenen Medikamente wie Ozempic oder Mounjaro.[3]

In Phase-3-Studien erzielten Teilnehmer nach 80 Wochen eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von 22,6 Prozent, in der höchsten Dosierung sogar bis zu 30 Prozent.[4] Diese Zahlen erklären den enormen Hype – und das Risiko.

Entscheidend: Retatrutid ist in keinem Land der Welt zugelassen. Es befindet sich noch in der klinischen Prüfung. Eli Lilly hat klargestellt: „Niemand ist derzeit autorisiert, Retatrutid für den menschlichen Gebrauch zu verkaufen."[5]

Die Abmahnwelle: Wer ist betroffen?

Die von Eli Lilly eingeleiteten Maßnahmen betreffen mehrere Gruppen:

  • Online-Händler und Apotheken: Sie vermarkten Produkte als „Retatrutid" – oft mit dem Hinweis „nur für Forschungszwecke", während sie klar für den menschlichen Konsum beworben werden.[6]
  • Medical Spas und Kliniken: Sie bieten Injektionen mit nicht zugelassenen Peptiden an.[1]
  • Affiliate-Netzwerke und Plattformen: Sie stellen die Infrastruktur für Vertrieb und Zahlungsabwicklung bereit.[1]
  • Content Creator und Influencer: Sie berichten über ihre „Erfahrungen" mit dem Wirkstoff, bewerben ihn als „Abnehm-Hack" oder verlinken Bezugsquellen.[7]

Eli Lilly hat nicht nur Klagen eingereicht, sondern auch Zahlungsdienstleister und Social-Media-Plattformen aufgefordert, die Werbung und Abwicklung für diese Produkte zu unterbinden.[1]

Warum auch Aufklärer betroffen sein können

Ein besonders sensibler Punkt: Die Grenze zwischen Aufklärung und verbotener Werbung ist fließend. Wer über Retatrutid berichtet, muss folgende Regeln beachten:

  • Keine Dosierungsanleitungen: Angaben zu Mengen, Häufigkeit oder Anwendungsart können als Anleitung zum Doping oder zur unerlaubten Arzneimittelanwendung gewertet werden.
  • Keine Verharmlosung: Aussagen wie „nebenwirkungsfrei" oder „völlig sicher" sind irreführend und können abgemahnt werden.
  • Keine Bezugsquellen: Auch das Verlinken oder Nennen von Verkaufsplattformen kann als Beihilfe zum illegalen Erwerb gewertet werden.[8]
  • Keine Vorher-Nachher-Darstellungen: Sie suggerieren eine Wirkung, die für ein nicht zugelassenes Arzneimittel nicht belegt ist.

„Die Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel gegenüber Laien ist in Deutschland nach § 10 HWG verboten. Bei nicht zugelassenen Arzneimitteln gilt dies umso mehr."

Die gesundheitlichen Risiken

Retatrutid ist nicht nur rechtlich problematisch – es ist auch gesundheitlich riskant. Die klinischen Studien laufen unter strenger Aufsicht, Dosierungen werden schrittweise erhöht und Teilnehmer engmaschig überwacht.[5] Wer sich das Peptid auf dem Schwarzmarkt besorgt, umgeht all das.

Die Folgen zeigen sich in Berichten von Anwendern:

  • Eine Influencerin berichtete, sie habe nach einer selbst verabreichten Injektion „gedacht, sie würde sterben" – mit Symptomen wie Tremor, Fieber, Verwirrtheit und schwerer Übelkeit.[9]
  • Eine weitere Anwenderin erlitt nach der Injektion eine Woche lang Übelkeit und konnte sich nicht normal ernähren.[10]
  • Die britische Arzneimittelbehörde MHRA warnt, die auf Social Media beworbenen Produkte seien „wahrscheinlich illegal und potenziell gefährlich".[7]

Rechtliche Einordnung: Was das für dich bedeutet

Wer in Deutschland über Retatrutid oder andere PEDs berichtet, bewegt sich in einem eng umgrenzten Raum. Die wichtigsten Regeln:

  • Aufklärung ist erlaubt: Informationen über Wirkmechanismen, Risiken und rechtliche Lage sind zulässig – solange sie sachlich bleiben.
  • Werbung ist verboten: Jede Aussage, die den Konsum nahelegt oder fördert, kann als verbotene Arzneimittelwerbung gewertet werden.
  • Anleitung ist strafbar: Wer konkrete Anwendungshinweise gibt, macht sich nach § 4 AntiDopG strafbar.
  • Beschaffungshilfe ist strafbar: Wer Bezugsquellen nennt oder verlinkt, kann als Beihilfe zum unerlaubten Erwerb verfolgt werden.

Fazit

Die Abmahnwelle von Eli Lilly ist ein deutliches Signal: Der Druck auf den grauen Markt für nicht zugelassene Peptide wächst. Wer sich als Aufklärer positioniert, muss die Grenze zwischen Information und Werbung kennen – und einhalten. Die Risiken sind erheblich: rechtlich, gesundheitlich und reputativ.

Aufklärung bleibt wichtig. Sie muss aber sachlich, zurückhaltend und ohne jede Handlungsanleitung erfolgen. Nur so bleibt sie Aufklärung – und wird nicht zur Werbung.


Quellen

  1. Eli Lilly: Klagen gegen sechs Unternehmen wegen illegalen Verkaufs von Retatrutid, August 2026. qz.com
  2. Axios (2026): Unapproved obesity drug spawns a black market frenzy, 24. August 2026. axios.com
  3. Shotlee (2026): Warum Fitness-Bros über Retatrutide-Abnehm-Peptid schwärmen, 4. April 2026. shotlee.app
  4. Börse Express (2026): Eli Lilly Aktie: Retatrutid-Zulassung Q1 2027 geplant, 25. Juli 2026. boerse-express.com
  5. ChronicleLive (2025): Warning over fake weight loss drug being sold on social media, 18. Oktober 2025. chroniclelive.co.uk
  6. MedPage Today (2025): Demand for Unapproved Weight-Loss Drug Surges on Social Media, 14. Oktober 2025. medpagetoday.com
  7. WalesOnline (2025): The dangerous videos on TikTok and Instagram that are putting lives at risk, 31. August 2025. walesonline.co.uk
  8. Mirror (2025): Urgent warning as fake weight loss drug is being pushed on TikTok and Instagram, 18. Oktober 2025. mirror.co.uk
  9. La Gaceta (2026): Creía que iba a morir: Sofi Gonet contó qué le pasó tras aplicarse una sustancia para bajar de peso, 19. August 2026. lagaceta.com.ar
  10. Rosario3 (2026): La Reini reveló el calvario que vivió tras aplicarse un fármaco para adelgazar, 18. August 2026. rosario3.com

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Aufklärung und Information. Er stellt keine medizinische, rechtliche oder Anwendungs-Beratung dar. Zu Retatrutid und anderen nicht zugelassenen Arzneimitteln gehören erhebliche gesundheitliche und rechtliche Risiken. Wir empfehlen keine Anwendung und geben keine Anleitung.

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